(Text von Dr. Joachim Schulze - genannt HaJo)

Ein "Mondscheintörn" von Southampton (Hamble) über Ijmuiden und Norderney nach Norddeich ...

... oder wie man auf der Nordsee immer wieder Neues erfahren kann

"Am Sonntag den 5. Oktober trafen sich Martin (Eigner), Horst und HaJo – die im Vorjahr gemeinsam auf der „Magic Star“ den Atlantik auf der Passatroute überquert hatten – in Port Hamble bei Southampton um „FIRST STEP“ einen Katamaran Typ Lagoon 400 S2 nach Norddeich ins Winterlager zu überführen.

 

 

Martin hatte das Schmuckstück frisch aus der Werft am 03.10.2014 übernommen und mit Freunden und Familie in Hamble getauft.

 

Die Überführungscrew traf sich bei sonnigem herbstlichen Wetter, aber ein sich dynamisch entwickelndes Tief über Irland warf seine Schatten voraus.

 

 

Für die Nacht auf Montag war der Durchgang einer Front mit Böen bis 9 Bf, Regen und einem drastischen Temperaturabfall vorausgesagt worden. Auch die mittelfristige Wettervoraussage hatte den Durchgang weiterer Fronten, Starkregen, Gewitter und durchgängig Starkwind bis Sturm aus S bis SW auf Lager. Unter den anzunehmenden Umständen war „FIRST STEP“ mit 3 Personen nicht gerade üppig bemannt. Zur Kompensation gelang es Martin Chris den englischen Skipper, der „FIRST STEP“ schon von der französischen Werft nach Hamble überführt hatte, als Verstärkung anzuheuern. Nach einer abschließenden Verproviantierung wurden am Montag um 14:30 Uhr die Leinen losgeworfen. Mit dem Ebbstrom schossen wir gegen 25 – 30 kn Wind aus SW gegen raue See aus dem River Hamble heraus in den Solent. Hier begegneten uns die einzigen Freizeitsegler auf dem Törn – englische Segelschulen drillten unter diesen unfreundlichen Bedingungen ihre Schüler.

 

 

Im Schutz der Ile of Wight gingen wir in den Segel- und Wach-Modus mit Richtung Dover. Wir hatten jeweils 3 Stunden Wache gefolgt von 6 Stunden Freiwache, Chris war für die gesamte Zeit Stand-by. Die Genua (schweres Tuch) wurde ausgerollt und im weiterem durch ein- und ausrollen den Bedingungen angepasst. Mit rund 8 kn Fahrt schossen wir aus der Abdeckung bei Selsey Bill in ein Gebiet mit Seegang der selbst den Katamaran in seinem Schaukeln und Bocken unangenehm werden ließ. Der Sturm in der Nacht zuvor war SO gewesen und hatte inzwischen auf SW gedreht. Resultat chaotische Kreuzseen.

 

 

Bei diesen Bedingungen wurden die Owers natürlich außen passiert. Die „Mayday“- Meldung eines im Westteil des Kanals gekenterten Trimarans drückte zusätzlich die Stimmung. (Glücklicherweise kam später die Information dass der Skipper nach 12 Stunden auf dem gekenterten Rumpf erfolgreich abgeborgen werden konnte.)

 

Bis Beachy Head lies der Wind auf 15 kn nach um kurz darauf mit alter Stärke und Sturzregen zurück zu kommen (die nächste Front). Entsprechend dem vollen Mondstand beschleunigte bzw. bremste die Spring-Tide unser Vorankommen. In den frühen Morgenstunden passierten wir Dover.

 

 

Die Coast Guard meldete für die nächsten 12 Stunden SW 6-7 Böen 8. Wir behielten unseren Kurs parallel zur gegenläufigen Bahn des Tiefwasserweges bei, erst bei der Tonne Southfall kreuzten wir diese Bahn mit Gegenverkehr und reihten uns auf der anderen Seite innerhalb des Tiefwasserweges in den mit uns nordwärts fahrenden Verkehr ein.

 

Chris hatte dieses Verfahren entgegen dem sonst üblichen Kreuzen kurz hinter Dover und der anschließenden nordwärts Fahrt zwischen den belgischen Bänken empfohlen. Wir waren erst skeptisch da uns in unseren Ausbildungen vom Fahren innerhalb der Zwangswege abgeraten wurde. Doch das Vorgehen von Chris hatte seine Vorteile. Wir kreuzten an der schmalsten Stelle (3,5 sm) und das Fahren innerhalb des laufenden Verkehrs erwies sich als absolut problemlos (alle fahren in die gleiche Richtung und der Berufsverkehr fährt sehr konstant und berechenbar).

 

 

Lediglich unsere nicht ganz rechtwinklige Querung bei South Falls brachte uns prompt den Anruf der Dover Coast Guard mit Hinweis auf unsere Verletzung der Kollisionverhütungsregeln ein. Erstaunlicherweise wurde die Argumentation - wir wissen was wir tun, auf den nächsten 10 sm kommen keine Entgegenkommer und die für uns sich durch diesen Kurs ergebende raumere Windrichtung ist sicherer und angenehmer – mit dem Hinweis „fahrt weiter und passt auf“ akzeptiert. In Deutschland wäre sicher ein Bußgeldverfahren angekündigt worden. Die Briten sind wohl schrullig aber offensichtlich sehr pragmatisch. Den eingeschlagenen Weg im Zwangsweg hielten wir dann bis zur North Hinder Junction (dem Einfahrtsbereich zum Europort nach Rotterdam) bei.

 

Eine weitestgehende sternenklare Vollmondnacht begleitete uns dann in Richtung auf das nördliche Ende des Verkehrstrennungsgebietes TSS Maas North. Der Wind legte mitunter auf 30 kn zu . Dadurch wurden wir schneller insbesondere im Vergleich zu den dicken Pötten und wurden kaum noch überholt. Die Morgendämmerung kam gegen 6:30 Uhr und lies die Temperaturen in den einstelligen Bereich fallen. Am Ende einer Reihe von 4 Großschiffen einschließlich Kreuzfahrern liefen wir dann ohne Probleme nach Ijmuiden ein. Das Festmachen in der Seaport Marina war sehr kurz. Chris sprang von Bord um mit einem Taxi Schipol zum Heimflug anzusteuern. Wir warfen die Leinen sofort wieder los und steuerten hinaus auf die Nordsee nördlich Richtung Texel. Die Mitfahrt von Chris hatte sich gelohnt. Wir bekamen die notwendigen Ruhepausen und sein spezifisches Know-How konnte genutzt werden.

 

Nun zu dritt waren es noch 140 sm bis zur Ansteuerung zum Seegat von Norderney. Durch die Nutzung des Autopilots können wir unsere Kräfte schonen und der Wetterbericht mit 5 – 6 Bf aus SW ist kein Grund für eine Beunruhigung. Martin ruft den Hafen in Norddeich um die Vorbereitungen für die Einwinterung und den Krantermin am Freitag zu veranlassen. Ein empfohlener lokaler Fachmann – Kapitän Huss – wird kontaktiert, der die Befahrbarkeit des Seegats bei den aktuellen Bedingungen bestätigt und uns zur Nutzung des Dove Tiefs rät (Schluchter Tiefe zu unsicher).

 

Kaum haben wir Texel hinter uns gelassen und die Dunkelheit bricht herein, nimmt der Wind deutlich zu auf gute 7 Bf. Auch empfangen wir „gale warnings“ für die von uns angesteuerten Bereiche mit der Aussicht, dass Donnerstag der Wind von S auf SW drehen und weiter zunehmen soll. Da die uns vorliegenden Unterlagen generell ab 6 Bf als gefährlich beschreiben kommt eine gewisse Verunsicherung auf. Sollen wir das sichere Borkum anlaufen oder die Jademündung bzw. Helgoland. Unsere schöne Planung ist gefährdet. In einem weiteren telefonischen Kontakt beruhigt uns Käpt`n Huss auch bei 7 Bf aus S oder SW sind keine brechenden Seen oder Grundseen zu erwarten. Von rauher See müssten wir jedoch ausgehen. Und so kommt es auch – Donnerstag 8:30 Uhr stehen wir vor dem Dove-Tief. Trotz vom starken Wind tränenden Augen finden wir die ersten relativ weit auseinander stehenden Tonnen.

 

 

Mit auflaufendem Wasser und bei beginnendem  Sonnenschein erreichen wir den Hafen von Norderney wie im Flug. Dort wollen wir tanken. Martin fährt unter Motor bis in den letzten Winkel des Hafens. Wir finden keine Tankstelle und daher fahren wir gleich wieder hinaus. Eine Hafenrundfahrt im Schnelldurchgang. Nun hat es Martin eilig; mit ordentlich Speed steuert er das Buse-Tief nach Norddeich an. Aber eine Hürde müssen wir noch überwinden. Kurz vor der Hafeneinfahrt wird in dem engen Fahrwasser gebaggert. Über Funk lotst uns der Bagger außerhalb der Betonnung vorbei. Ob das richtig ist, fragen wir uns. Vielleicht haben wir auch falsch verstanden. Die Tiefe nimmt deutlich ab. Doch wir kommen ohne Grundberührung davon und steuern wie verabredet in den Osthafen. Finden einen rot gekennzeichneten Liegeplatz vor dem Travellift, den wir dann okkupieren.

 

 

Direkt nach dem Anlegen leeren (wie auch vor knapp einem Jahr auf Martinique) eine Flasche Karibik Rum (war aber vorher schon halb angetrunken). Wir stoßen an auf eine gelungene, spanende und letztendlich glückliche Überführungsfahrt. 440sm wurden ohne Defekt bei kräftigen Winden und zwei Hafeneinfahrten in 58 Stunden zurückgelegt. „FIRST STEP“ hat sich hervorragend bewährt. Sie ist ein sicheres, schnelles und komfortables Schiff. Last not least hat die Crew bei dem Törn einige zusätzliche Erfahrungen gewonnen sowie bleibende Erinnerungen mitgenommen. Anbei zum Beleg der oben gemachten Beschreibungen noch einige Impressionen von Martin und Horst festgehalten."